Hochsensitivität in Unternehmen
Was hochsensitive Führungskräfte brauchen, um ihr großes Potenzial zu entfalten

„Je höher die Position, desto dünner die Luft.“ Ein Spruch, der besonders für hochsensitive Führungskräfte und Manager gilt. Denn die Vorgangsweisen in den Chefetagen passen üblicherweise nicht zu den Ansprüchen und Bedürfnissen von hochsensitiven Menschen. Schade, denn wahrnehmungsbegabte Führungskräfte können einen wesentlichen Beitrag zum Mehrwert des Unternehmens leisten.

Was diese dafür brauchen, erfahren Sie in den folgenden Erfahrungsberichten. Befragt wurden sieben hochsensitive Führungskräfte und Manager.

 

In meinem „Schrebergarten“ zählen meine Werte
Abteilungsleiterin in der Finanzbranche

Eine Führungskraft, die man sich nur wünschen kann: Die Entwicklung von Menschen und das Beste aus Ihnen herauszuholen, zählen zu den höchsten Motivationsfaktoren einer Abteilungsleiterin in der Finanzbranche. Das geht sogar so weit, dass ein Abteilungswechsel unterstützt wird, sollte der Mitarbeiter/-in dort einen besseren Platz finden. Belohnt wird dieses Engagement mit Dankbarkeit, Loyalität und großer Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter/-innen.

Doch dieser Umgang wird nicht überall gerne gesehen. Neid und Misstrauen seitens der Kollegenschaft sind oft die Kehrseite dieser Unternehmensinsel. In einer solchen Umgebung ist es entscheidend, ob die persönlichen Werte im eigenen Bereich dennoch gelebt werden können. Manchmal wird das seitens der Geschäftsführung verhindert. Wird z.B. der Auftrag gegeben, gute Mitarbeiter/-innen nur deshalb zu kündigen, damit die Kosten im Sinne des Shareholder Values optimiert werden können, ist es für hochsensitive Führungskräfte Zeit, das Unternehmen zu verlassen. Denn es kann zu seelischen Schäden oder Krankheit führen, wenn die eigenen Werte derart verletzt werden.

 

Authentisches Gefühl zu Menschen ist wichtiger als Strategie
Abteilungsleiterin im Bildungsbereich

Bekannterweise ist der Turbo für Karriere nicht die Leistung, sondern strategisches Geschick. Ein Umstand, der es besonders hochsensitiven Menschen schwer macht, die Karriereleiter hochzuklettern oder wichtige Anliegen durchzusetzen. So ist es auch einer Abteilungsleiterin im Bildungsbereich ergangen, die hervorragende Leistungen erbracht hat und dennoch erleben musste, dass Ihre Vorhaben an der Wand einer unklaren Abteilungsstruktur abgeprallt sind. Player richtig einschätzen, und ins Boot zu holen, auch wenn sich das authentische Gefühl querlegt, ist nicht die Spielart von hochsensitiven Menschen. Der Kampf zwischen Gefühl und äußeren Gegebenheiten, das „sich alles zu Herzen nehmen“ kann sehr aufreibend sein und schließlich ins Burnout führen.

Um das zu vermeiden, ist es für hochsensitive Führungskräfte notwendig, die eigenen Grenzen gut zu spüren und das berufliche Engagement in die richtige Relation zu den eigenen Ressourcen zu setzen.

 

Meine intuitive Wahrnehmung muss ich übersetzen
Aufsichtsratsvorsitzende in der Lebensmittelbranche

„Woher weißt du das?“ Mit dieser Frage wird eine Aufsichtsratsvorsitzende immer wieder konfrontiert, wenn sie auf drohende Gefahren aufmerksam macht oder Mitarbeiter/-innen auf Schwierigkeiten anspricht, die sie eigentlich nicht wissen kann. Intuitive Wahrnehmung kann beim Gegenüber Irritationen hervorrufen, wenn sie nicht begründet wird. Bei wichtigen Entscheidungen sollen daher hochsensitive Manager darauf achten, intuitives Wissen in die Sprache ihrer Umgebung zu übersetzen. Z.B. kann man die feine Beobachtungsgabe von Mimik, Gestik und Sprachnuancen sowie Systemkenntnisse und Erfahrung einfließen lassen.

Ideal ist es natürlich, wenn hochsensitive Manager und Führungskräfte so viel Vertrauen genießen, dass Entscheidungen nicht mehr hinterfragt werden.

 

Persönlichkeitsentwicklung ist unbedingt notwendig
Eigentümerin Steuerberatungskanzlei

Extrem pflichtbewusst, hohe intrinsische Motivation, ausgeprägte Empathiefähigkeit, Loyalität, Teamgeist und bemerkenswerte Leistungsbereitschaft – hochsensitive Mitarbeiter/-innen bringen viele Vorzüge in ein Unternehmen ein. Einerseits.

Andererseits können hochsensitive Mitarbeiter/-innen meist schlecht mit Stress und Konflikten umgehen. Auch unrealistische Erwartungen an die Werthaltungen und Fairplay im Umfeld führen immer wieder zu Demotivation. Fehlen die Rückzugsmöglichkeiten stehen hochsensitive Mitarbeiter/- innen schnell mit dem Rücken zur Wand. Erschöpfung, Krankenstand und letztendlich Burnout sind keine Seltenheit.

Homeoffice statt Großraumbüro kann hier eine Erleichterung bringen. Wesentlich ist allerdings, dass hochsensitive Mitarbeiter/-innen mit ihrer besonderen Begabung umgehen können und bereit für Persönlichkeitsentwicklung sind. Führungskräfte können mit Umsicht und einem entsprechenden Coachingangebot unterstützen.

 

Angebot für hochsensitive Menschen – ein Nischenprodukt mit großem Potential
Unternehmerin Tourismusbranche

Die Tourismusbranche ist nicht unbedingt ein förderliches Umfeld für hochsensitive Mitarbeiter/-innen. Der ständige Trubel, die fehlenden Rückzugsmöglichkeiten, die Herausforderung, auch bei schwierigen Gästen immer freundlich zu bleiben, kann hochsensitives Personal schnell an die Grenzen bringen. Diese Grenzen müssen respektiert werden.

In diesem Umfeld gibt es jedoch eine große Chance: Hochsensitive Servicekräfte spüren genau, was hochsensitive Gäste wünschen und brauchen. Da geschätzte 15 bis 20 % der Bevölkerung hochsensitiv sind, wäre das eine interessante Zielgruppe, für die es sich lohnt, ein spezielles Angebot zu entwickeln. Hier dürfen und sollen sich hochsensitive Pioniere durchaus Rückendeckung von robusten Managern holen, mit deren Hilfe das neue Angebot erfolgreich in den Markt gebracht werden kann.

Eine Idee, die sicherlich auch für andere Branchen Wachstumsimpulse bringen kann.

 

Letztendlich führt die Menschlichkeit.
Unternehmensberaterin | ehem. Leiterin Werbeagentur

Wer anders tickt und nicht verstanden wird, fühlt sich vielleicht manchmal falsch in dieser Welt. Ein Gefühl, das hochsensitive Menschen oft nur allzu gut kennen. Hier kann es hilfreich sein, einen anderen Blickwinkel einzunehmen und Gespräche zu suchen, die echtes Verständnis und Verbindung schaffen. In der Begegnung der Unterschiedlichkeiten liegt die Magie der neuen Möglichkeiten.

Die Unternehmensberaterin sieht in der starken Verarbeitungstiefe und der atmosphärischen Wahrnehmungsfähigkeit eine große Chance, Neues zu initiieren. So können hochsensitive Menschen Pioniere sein, wenn es darum geht, noch mehr Menschlichkeit, Wertschätzung und Wärme in die Unternehmen zu bringen.

 

Auf die Rahmenbedingungen kommt es an
Geschäftsführender Gesellschafter Mobilitätsmanagement

In der Mobilitätsbranche verläuft die Arbeitsbelastung nicht kontinuierlich. Man muss daher mit großen Belastungsspitzen rechnen, die bei hochsensitiven Mitarbeiter/-innen leicht zu einem Overflow führen. Was hilft sind flexible Arbeitszeitmodelle, die für Rückzug genutzt werden können. Geeignete Rahmenbedingungen sind die Voraussetzungen dafür, dass hochsensitiven Menschen ihr optimales Leistungsniveau erreichen und ihre Fähigkeiten entfalten. Einer dieser besonderen Fähigkeiten ist z.B. die intuitive Wahrnehmung. Leider haben viele hochsensitive Menschen verlernt, ihrer Wahrnehmung zu trauen.

So passiert es auch einem geschäftsführenden Gesellschafter immer wieder, dass er im Alltagstrubel zu wenig auf die Anzeichen achtet und dadurch Fehler passieren. Im Gegenzug ist es ihm durch bewusstes Hinhorchen auf die intuitive Wahrnehmung gelungen, gute Entscheidungen zu treffen und so manchen Schaden abzuwenden.

Was es somit braucht sind Freiraum, Vertrauen und Respekt vor der besonderen Wahrnehmungsfähigkeit hochsensitiver Menschen.

 

So können Unternehmen optimal profitieren

Die Vorteile liegen auf der Hand. Empathie ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Führungsarbeit und optimale Kundenbetreuung. Die intuitive Wahrnehmung kann als Frühwarnsystem genutzt werden, um einen größeren Schaden abzuwenden. Die kognitiven Fähigkeiten helfen Systemfehler leichter zu erkennen und rasch zu korrigieren. Die hohe Leistungsbereitschaft und intrinsische Motivation machen hochsensitiven Mitarbeiter/-innen zu Selbstläufer/-innen. Die Kreativität und das Verständnis für Menschen, die anders ticken, sind ein Turbo für maßgeschneiderte Produkte.

So weit, so gut. Das alles kann allerdings nur dann genutzt werden, wenn die Rahmenbedingungen passen. Dazu zählen ein reizarmes Arbeitsumfeld, flexible Arbeitszeitmodelle, Rückzugsmöglichkeiten, Unterstützung bei Konflikten, Freiraum, Wertschätzung und Vertrauen.

Nicht zuletzt ist Eigenverantwortung gefragt. Hochsensitive Menschen sollen sich mit ihrer Veranlagung auseinandersetzen und lernen, die Herausforderungen zu meistern. Ein entsprechendes Austausch- und Coachingangebot kann dabei unterstützen.